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Innenverhältnis zwischen Wischenschaftlicher- und Marketingabteilung in Pharmakonzernen

In unserem Team hat uns bei der Analyse des Falls über den wir hier berichten ein Punkt bewegt, der auch Gegenstand des Verfahrens wegen Pradaxa in den USA war. Der Richter David Herndon beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, dass es zwischen Der wissenschaftlichen-  und der Marketingabteilung bei Boehringer Ingelheim eine sehr intensive Auseinandersetzung gegeben hat. Diese wurde auch in einer Sendung des Magazins Kontraste geschildert. Hier ein Auszug aus dem Sendungstext:

Bereits vor dem Prozess veröffentlichte jetzt dieses amerikanische Gericht interne Dokumente und E-Mails aus dem Hause Boehringer. Sie geben einen erschreckenden Einblick.

Es beginnt mit der Arbeit eines Forschers aus dem eigenen Konzern. Er wertet die Zulassungsstudie für Pradaxa neu aus und findet heraus: Es gibt Patienten, bei denen das Medikament doch nicht optimal wirkt. Für sie bedeutet das ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall oder eine schwere Blutung. Der Forscher kommt hier zu dem Schluss: Es wäre erforderlich, Patienten zu testen, um festzustellen, bei wem Pradaxa nicht richtig funktioniert.

In der Boehringer Zentrale löst diese Analyse und ihr Ergebnis viel Unruhe aus. Mein weiß um die Brisanz. Der medizinische Teamleiter und Berater für’s Marketing schreibt 2011 in einer Mail:
„... Ich bin nicht glücklich mit der Schlussfolgerung … Könntest Du von den Anwälten prüfen lassen, ob es für Boehringer Probleme gibt, wenn das veröffentlicht wird?“

Auch an den Direktor von Boehringer in den USA geht eine warnende Mail:
„Das wäre kein Einmaltest und könnte in einer komplizierten Botschaft enden (regelmäßige Kontrolle notwendig) und das bedeutet ein geringeres Nutzenversprechen …“

Aus der Abteilung für Medical Affairs hinterfragt ein Mitarbeiter, den Zweck der ganzen Studie:
„Die Veröffentlichung wird uns mehr schaden als nützen - auf dem Markt, aber vor allem schadet sie uns in den Diskussionen mit den Zulassungsbehörden. Kann das nicht verhindert werden?“

Der Forscher von Boehringer soll offenbar sein Manuskript ändern. Vor allem die Forderung nach Tests bei allen Patienten, missfällt im Konzern.

Der medizinische Teamleiter hat aber schon eine Idee, wie man vorgeht. Er schreibt:
„... das Heikle ist, dass wir die Aussagen geschickt verpacken müssen. T... will sich darum kümmern … Es wäre der letzte Versuch, Paul (den Forscher) zu überzeugen und in eine Boehringer genehme Richtung zu lenken.“

Das Manuskript der Studie wird zwei Jahre hin- und her gewendet. Mittlerweile ist es 2013. Die Projektmanagerin von Pradaxa mischt sich ein, und sieht verärgert die bisherige Pradaxa-Strategie in Gefahr:
„Das wird es extrem schwer machen, gegenüber den Gesundheitsbehörden zu verteidigen, dass keine Kontrollen notwendig wären und es unterläuft unsere Bemühungen mit den anderen neuen Gerinnungshemmern zu konkurrieren.“

Erst vor wenigen Wochen wurde die Studie veröffentlicht. Aber anscheinend wurden Textpassagen herausgelassen.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Die Situation, die hier geschildert wird, sehen wir mit großer Sorge bereits seit Jahren in der Pharmaindustrie. Forscher äußern zu Recht Bedenken gegen das Vorgehen von Marketingabteilungen, können sich aber nicht gegen diese Abteilungen durchsetzen. Damit werden wesentliche Sicherheitsanforderungen, die z.B. das Arzneimittelgesetz an die Vermarktung durch Pharmaunternehmen stellt, ausgehebelt. Unsere Überzeugung, dass unerwünschte Arzneimittelwirkungen durch Fehlverhalten im Marketing von Pharmaherstellern begünstigt werden, wird durch diesen Vorgang sehr deutlich bestätigt. Im Kern ist es Handeln gegen besseres Wissen. Auch im Falle von Avandia war genau diese Handlungsmuster erkennbar.

Es ist daher unsere Forderung, dass dem Auftrag des Gesetzgebers, dass die medizinisch verantwortlichen Forscher und Dr. Paul Reilly ist eben ein solcher, dem Handeln in Marketing und Verkauf Grenzen aufzeigen müssen, Geltung verschafft wird.

Hier die Schreiben aus der Marketingabteilung, die auf Veranlassung von Richter David R. Herndon in der New York Times veröffentlicht wurden.
NY-Times_New Emails in Pradaxa Case Show Concern Over Profit
LawyersandSettlement.com_Pradaxa and Actos- Is Non-Preservation of Documents an Emerging Trend

NY Times unsealed documents
001_Boehringer Reilly_draftpaper2_Subgruppenanalyse
002_Boehringer Mail Fr. Dr. Heinrich-Nols_exhibit349-14.pdf
003_Boehringer Mail Dr. Andreas Clemens_exhibit350-13.pdf
004_Boehringer Mail Dr. Andreas Clemens_002_exhibit350-13.pdf
005_Boehringer Employer_Mail_exhibit408-4.pdf
006_Boehringer Employer_Mail_004_exhibit408-4.pdf
007_Boehringer Employer_Mail_003_exhibit408-4.pdf
008_Boehringer Employer_Mail_002_exhibit408-4.pdf

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